Endoprothetik und Sport
04.05.2011
Knie- und Hüftendoprothesen werden in großer Anzahl und mit großem Erfolg eingesetzt. Die Patienten wurden in den letzten Jahren immer jünger und ihr Anspruch an die Prothese ist stetig gewachsen. „Die neuen Alten“ sind rüstig, sportlich aktiv und so bestehen heute ganz andere Anforderungen an die Implantate als noch vor 20 oder 30 Jahren. Auf diese Anforderungen haben die Implantatehersteller und die Ärzte, die Prothesen einsetzen, reagiert.
„Wann darf ich meinen Sport wieder machen?“ lautet eine häufige Frage in den Sprechstunden. Dazu ist zu sagen, dass es ein generelles Sportverbot nicht gibt. Allerdings sollten in den ersten drei Monaten nach einer Endoprothesenimplantation Sport und andere körperliche Belastungen vermieden werden. Zunächst wird, egal ob in einer stationären Rehabilitationsmaßnahme oder ambulant, eine Nachbehandlung in Form von Physiotherapie und moderater körperlicher Belastung durchgeführt; auch vom Bewegungsbad profitieren viele Patienten. Anschließend, zwischen dem dritten und dem sechsten Monat nach der Operation, kann sportliche Betätigung langsam wieder aufgenommen werden (wie auch sonst nach einer längeren Sportpause die Belastung langsam gesteigert wird). Es sollten zunächst keine neuen Sportarten ausprobiert werden. Gegen die Wiederaufnahme einer Sportart, die der Patient vorher bereits durchgeführt hat, spricht weniger.
Bis zum sechsten Monat nach der Operation gilt: „Jeder Schritt ist Therapie“. Entlastung an Stöcken (Nordic walking) oder auf dem Fahrrad bzw. im Wasser wird oft als hilfreich empfunden, so ist „Bewegen ohne zu belasten“ möglich. Sobald der Patient ohne Unterarmgehstützen gehen kann, das Treppensteigen, das Aufstehen oder das Gehen auf unebenem Gelände keine Probleme mehr bereitet, wenn Tätigkeiten im Haushalt oder die Arbeitsaufnahme wieder möglich sind, kann die sportliche Betätigung gesteigert werden. Auch in diesem Stadium ist Physiotherapie übrigens oft noch sinnvoll. Aber was sind nun geeignete Sportarten und welche sollte man unterlassen? Generell vermieden werden sollten Sportarten mit einem hohen Sturzrisiko. Schnelle Stopp- und Drehbewegungen sind für die Haltbarkeit der Prothese ebenfalls nicht zuträglich. Der Patient sollte stets im Hinterkopf behalten, dass ein künstliches Gelenk, eine Prothese, ein Ersatz ist und kein „neues Gelenk“. Es macht den Patienten nicht „besser als je zuvor“, sondern ersetzt ein verschlissenes Gelenk durch Metall, Kunststoff und Keramik.
Wenn man sich dieser Einschränkungen bewusst ist, sind einige Sportarten problemlos wieder möglich. Im Vordergrund steht dabei, Fitness, Beweglichkeit und Kraft zu erhalten; größere Defizite werden sich dagegen kaum aufholen lassen. Die grundsätzlichen Risiken der endoprothetischen Versorgung wie Lockerung, Luxation (Ausrenkung) oder Fraktur (Bruch) bestehen natürlich weiterhin.
Folgende Grundregeln sind zu beachten:
- Keine Impuls- oder Extrembelastungen
- Gleichmäßige, gut kontrollierte Bewegungen
- Bewegen ohne zu überlasten
In folgenden Situationen sollte der Patient generell auf Sport verzichten:
- nicht optimal sitzende Prothese
- Fehlende Knochensubstanz oder Osteoporose
- nach Wechseloperationen
- bei/nach Infektion des Operationsbereiches
- ausgeprägte Beinlängendifferenz
- Muskelschwäche
Empfohlene Sportarten:
Spazieren / Walking / Wandern
- Bergauf oder in der Ebene besser als bergab
- Stöcke („nordic walking”) empfohlen
Fahrradfahren
- Vorsicht beim Auf- und Absteigen, empfehlenswert ist ein Fahrrad mit tiefem Einstieg (Damenrad)
- Sturzgefahr!
Schwimmen
- Bruststil weniger geeignet (Beintechnik!)
Aquafit / Aquajogging
- Auftrieb im Wasser = niedrige Belastung
Ski Langlauf
- Routenwahl
- kein Skating bei Prothese Hüfte / Knie
- breitere Ski = besserer Stand
Golf
- Vorsicht: hohe Torsionskräfte auf Hüften und Schultern
- Trainerstunden (Überprüfen optimaler Technik)
Tanzen
- Keine belastete Rotation auf operiertem Bein
Bedingt empfohlene Sportarten:
Jogging
- Schockabsorbierende Schuhe
- Laufstil!
Ballspiele
- Körperkontakt, Sprünge, Rotationen!
- evtl. modifizierte Regeln (kein Kontakt, weicher Ball)
Curling / Eisstockschiessen
- hohe Belastung durch Hüft- / Kniebeugung
Eislaufen
- Sturzgefahr
- Kein Eishockey!
Inline Skating
- gute Technik
- belastende Rotationen
- Sturzgefahr!
Fitness- / Krafttraining
- keine hohen Gewichte!
- kontrollierte Bewegung
- Fitness: low impact
Rudern
- solange Beugung Hüfte < 90°
- solange Beugung Knie < 120°
Segeln
- Wendemanöver unberechenbar
- Sturzgefahr durch Wellengang, Nässe
Tennis
- nur sehr eingeschränkt zu empfehlen
- Doppel besser als Einzel
- Boden: Sandplatz statt Hartplatz
- Spielverlangsamung durch weiche Bälle
Nicht empfohlene Sportarten
Ski alpin
- Sturzgefahr!
Reiten
- Abspreizen und Beugung: Luxationsgefahr
- Sturzgefahr!
Squash
- Schnelle Dreh- und Stoppbewegungen
- Sturzgefahr
Dr. Thomas Jurda
SPORTforum Nr. 79, Mai 2011