Das Karpaltunnelsyndrom
07.09.2011
Lubinus informiert:
Bereits seit Wochen ist die Nachtruhe von Frau M. gestört, sie wird mehrfach wach, die Finger der rechten Hand sind taub und kribbeln fürchterlich. Und in den letzten Nächten verspürt Frau. M. zudem Schmerzen im gesamten rechten Arm, die Nächte werden immer unerträglicher. Erklären kann sich Frau M. die Beschwerden überhaupt nicht, sie nimmt zwar täglich eine Tablette gegen ihren zu hohen Blutdruck, der sei aber laut Aussage ihres Hausarztes gut eingestellt. Frau M. fühlt sich sonst wohl, verletzt hat sie sich den rechten Arm nicht, eine Überlastung ist ihr nicht erinnerlich. Der Hausarzt stellt die Diagnose Karpaltunnelsyndrom.
Das Karpaltunnelsyndrom bezeichnet ein Kompressionssyndrom eines Armnerven, des Nervus medianus in Höhe der Handwurzel. Der Nerv mit seinen Abzweigungen erreicht die Hand durch einen Tunnel, der von den Handwurzelknochen und einem kräftigen Gewebeband gebildet wird. Den Platz in diesem Tunnel teilt sich der Nerv mit den Beugesehnen und ihren Gleitgeweben. Ursächlich für die Bedrängung ist häufig eine Schwellung der Sehnengleitgewebe, die mannigfaltige Ursachen haben kann. Die chronische Form tritt vorwiegend im mittleren und höheren Lebensalter auf, Frauen sind sehr viel häufiger betroffen als Männer. Typisches Erstsymptom sind nächtlich auftretende Schmerzen oder Missempfindungen, die von der Hand in den gesamten Arm einstrahlen können. Später treten die Beschwerden auch zunehmend tagsüber auf, im fortgeschrittenen Stadium kann es zu einem Muskelschwund des Daumenballens, einer Schwäche beim Zupacken und zu einer Minderung des Tastgefühls kommen.
Nach eingehender Befragung und genauer Untersuchung der Hand von Frau M. überweist der Handchirurg die Patientin zunächst zu einem weiteren Arzt, einem Neurologen. Der Neurologe hat die Möglichkeit, die Funktion des Nervus medianus zu überprüfen. Mit einer speziellen Apparatur kann schmerzlos die Geschwindigkeit der Informationsübertragung des „biologischen Kabels“ Nerv gemessen werden: nimmt der Nerv in Höhe des Tunnels die Impulsübertragung im Vergleich zu einem gesunden Nerven zu langsam wahr, ist die Diagnose erhärtet. Zurück beim Handchirurgen ist nun die Therapie des Karpaltunnelsyndroms zu besprechen.
Im Anfangsstadium des Karpaltunnelsyndroms kann eine konservative Therapie versucht werden. Das Tragen spezieller Nachtschienen vermag die Beschwerden zumindest für eine gewisse Zeit zu beseitigen oder abzumildern. Begleitend kann ein Medikament aus der Gruppe der Antiphlogistika wie Ibuprofen oder Diclofenac eingenommen werden, um das Abschwellen der Schleimhäute im Karpaltunnel zu ermöglichen. Den gleichen Effekt kann die Injektion eines Cortisonpräparates in den Karpaltunnel herbeiführen. Nicht selten helfen diese Maßnahmen jedoch nur vorübergehend oder unzureichend, sodass eine operative Therapie notwendig wird.
Nach eingehender Beratung von Frau M. durch den Handchirurgen ist der Entschluss zur operativen Therapie gefallen. In der Regel wird der Eingriff nicht in Vollnarkose sondern in einer „Armbetäubung“, der intravenösen Lokalanästhesie oder der Plexusanästhesie, vorgenommen, die im Lubinus Clinicum von entsprechend geschulten Anästhesisten durchgeführt wird. Die wichtigste Maßnahme der operativen Therapie ist die Spaltung des kräftigen Gewebebandes, des Retinaculum flexorum, in Höhe der Handwurzel, wenn nötig mit der lokalen Ausdünnung der Sehnengleitgewebe, um dem Nervus medianus aus der Bedrängung zu lösen. Frau M. hat den Eingriff gut überstanden, ihre Tochter hat sie nach der Operation aus der Klinik abgeholt und nach Hause gebracht. Dort wartet schon der Ehemann von Frau M., um die weitere Betreuung zu übernehmen.
Die Nachbehandlung beinhaltet neben dem Wundverband die Anlage einer leichten Handgelenkschiene, die noch im Operationssaal vom Chirurgen angelegt wird. Sie fördert die komplikationsfreie, zarte Narbenbildung. Unmittelbar postoperativ können und müssen die Finger bewegt werden, die operierte Extremität muss konsequent hoch gelagert werden, um einem Anschwellen und einer Entzündung vorzubeugen. Nach ca. vierzehn Tagen werden die Wundfäden entfernt, die Schienung wird abgelegt und das Handgelenk wird belastungsfrei mobilisiert. Eine weitgehend normale Belastung der operierten Hand ist nach ungefähr vier Wochen möglich.
Am Tag nach der Operation berichtet Frau M. ihrem Chirurgen, dass das Kribbeln in den Fingern bereits in der Nacht nach dem Eingriff nicht mehr aufgetaucht sei und der Wundschmerz unter der Einnahme der verordneten Tablette sehr gering gewesen sei. Der Therapieerfolg hängt wesentlich von Dauer und Ausmaß der bisherigen Nervenschädigung ab. In unkomplizierten Fällen behebt die Dekompression des Nervus medianus sofort sämtliche Beschwerden und beseitigt Schmerzen und nächtliche Missempfindungen. Die allgemeinen Gefahren chirurgischer Eingriffe (z. B. Nachblutung, Infektion oder Verletzung von Nerven und Blutgefäßen) sind selten geworden. Wie Frau M. ihrer Freundin nach vier Wochen berichtet, seien die Beschwerden am rechten Arm vollkommen zurückgegangen und Frau M. mit dem Behandlungsverlauf sehr zufrieden.
SPORTforum Nr. 82, September 2011